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Das Phantom der Oper Elisabeth Jekyll & Hyde Les Miserables
Marie Antoinette Miss Saigon Mozart  

 

"Gute, wahre, echte Musik spiegelt die Abgründe und Frustrationen, die Leiden und Leidenschaften der Menschen wider und hebt sie auf eine andere Ebene."
Yehudi Menuhin (1916-1999 einer der größten Geigenvirtuosen des 20. Jahrhunderts)

 

Das Phantom der Oper
Text: Richard Stilgoe, Charles Hart
Musik: Andrew Lloyd Webber
Uraufführung: 9. Oktober 1986 London, Her Majesty's Theatre
Deutschlandpremiere: 29. Juni 1990,Hamburg, im für dieses Musical gebauten Theater Neue Flora
Deutsche Texte: Michael Kunze

Die Handlung beginnt bei einer Versteigerung der Requisiten in der Pariser Oper 1905, schwenkt zurück in die Vergangenheit 1861…und erzählt die Geschichte von Eric (das Phantom), der als Missgeburt zur Welt kam, eine Gesichtshälfte entstellt...

Er wird als Kind auf dem Jahrmarkt ausgestellt und flieht mit der Hilfe der jungen Madame Giry…die später im Opernhaus als Ballettmeisterin arbeitet.
Der Roman von Gaston Leroux , auf dem die Handlung basiert und ein Roman von Susan Kay (in der Ich-Form als Eric geschrieben), beschreiben eindrucksvoll die Reisen Erics, unter anderem nach Persien…wo er lange Zeit im Dienste des Schahs steht und sich dem Studium zahlreicher Wissenschaften wie Physik, Architektur, Alchemie, Waffenkunde, Kampftechniken widmet und als feinsinniger Geist auch die Kunst in jeglicher Form zu schätzen weiß. Dies wird im Musical nur ansatzweise erwähnt, erklärt aber unter anderem die mysteriösen Kunststücke, mit denen er die Theaterdirektoren und seine Gegenspieler zum Narren hält...
Eric versteckt sich in den unterirdischen Gewölben der Oper (die real 10 unterirdische Stockwerke hat), schafft sich dort ein Zuhause und wird Förderer der jungen Balletteuse Christine Daaé, die ein sehr großes Potential zur Opernsängerin hat. Als Gegenspieler sehen wir Raoul Vicomte de Chagny, den wieder gefundenen Jugendfreund aus der Kindheit Christines. Eric entführt Christine zu Unterrichtszwecken immer wieder in seine Unterwelt, wobei sie ihn für den Engel der Muse hält, den ihr Vater ihr nach seinem Tod schicken wollte. Die Handlung spitzt sich immer mehr zu, während die Beziehung zwischen Eric und Christine sich verändert und Christine sich seltsam angezogen fühlt von diesem geschmeidigen, liebevollen und reizbaren, einsamen und feinfühligen Mann mit der betörenden Stimme …
Als nicht, wie vom Phantom gewünscht, Christine Daaé sondern die Primadonna Carlotta die Hauptrolle in der Oper "Il Muto" bekommt und auch seine anderen Anweisungen bezüglich der Aufführung ignoriert werden, lässt Eric die Vorstellung eskalieren durch die Lockerung des riesigen Kronleuchters, bis er ins Publikum stürzt. Und Josef Buquet, der Maschinenmeister, der die jungen Mädel des Balletts immer mit Phantomgeschichten geängstigt hatte… fällt von der Balustrade oberhalb der Bühne, erhängt. In der allgemeinen Panik flüchten Christine und Raoul auf das Dach und gestehen sich ihre Liebe, belauscht von dem Phantom, dass sich hintergangen und verraten fühlt.
Doch scheint sich die Situation vorübergehend zu beruhigen bis Eric als roter Tod beim alljährlichen Maskenball auftaucht und seine Komposition "Don Juan, der Sieger" als aufzuführendes Werk präsentiert. Dazu eine Liste mit klaren Anweisungen die Besetzungen und sämtliche Einzelheiten, auch die Proben betreffend…Christine in der Hauptrolle, für die sie zur Unterweisung zu ihm zurückkehren muss.
Während der Proben der ungewöhnlichen, anspruchsvollen Partitur ist die Anwesenheit des Phantoms deutlich spürbar.
Da sich der Duck immer mehr erhöht und die ironischen und kritischen Kommentare Erics zunehmen, entscheidet man Jagd auf das Phantom zu machen unter der Führung von Raoul, der von Eifersucht gequält wird. Er spürt die emotionale Verbindung zwischen Christine und Eric. Man will sich nicht länger bedrohen und gängeln lassen beim Führen des Theaters und ein Mord ist genug. Bei der Premiere will man das Theater abriegeln, Scharfschützen platzieren und das Phantom fangen oder töten, wenn es sein muss.
Bei der Uraufführung von Don Juan, tötet das Phantom Piangi und übernimmt die Hauptrolle, zunächst unbemerkt. Die Atmosphäre der Szene zwischen Christine und "Don Juan" ist prickelnd, das Spiel der beiden erregend. Als Christine ihn erkennt, ergreift sie zuerst Angst, aber als sie seine Unsicherheit aufgrund der ungewohnten körperlichen, emotionalen Sehnsüchte bemerkt, spielt sie mit ihm…
In einem dramatischen Moment streift sie seine Kapuze nach hinten und demaskiert ihn. Eric in Wut und Fassungslosigkeit flieht mit ihr in die Unterwelt, verfolgt von unzähligen Polizisten, Raoul, Mdme. Giry. den Theaterdirektoren...
Mdme. Giry erzählt Raoul von dem mißgestalteten Jungen und führt ihn bis zum Ufer des unterirdischen Sees mit einer Warnung vor dem Punjab-Lasso…"die Hand muss in Augenhöhe sein"…Raoul springt in das eisige Wasser und dringt zum Heiligtum des Phantoms vor. Es kommt zum dramatische Höhepunkt…Eric fängt Raoul, der die Warnung vergisst mit dem "magischen" Lasso und verlangt von Christine eine Entscheidung: Entweder sie bleibt bei ihm oder Raoul stirbt. Christine ist einerseits entsetzt und abgestoßen durch die Grausamkeit, andererseits voller Mitgefühl und auch Liebe für diesen zutiefst einsamen und von der Welt verstoßenen Menschen. Als sie sich entscheidet und Eric mit Leidenschaft und Ehrlichkeit küsst, zerbricht die Wut und der Hass in ihm aufgrund dieser durchdringenden Berührung und das Phantom lässt Christine und Raoul frei…
Als die verfolgende Meute schließlich an diesem Ort ankommt läuft Meg Giry zu dem dunklen Thron, der ein Teil der Einrichtung ist und findet dort nur noch die halbe Maske vor, die Eric sein Leben lang vertraut war…

Dieses Musical ist der Inbegriff von Romantik und Gefühlen der Leidenschaft und hingebungsvoller Liebe…
Hinreißende, bewegende Arien und dramatische gesungene Dialoge, Melodien, die man nicht vergisst, führen den Besucher in eine geheimnisvolle andere Welt und Zeit. Und der weitaus größere Teil des weiblichen Publikums wäre an Christines Stelle bereit sich dem Phantom hinzugeben…Dieses Musical wird immer zu denen gehören, die ich am meisten liebe und die meine Phantasie beflügeln…
Die Rolle des Phantoms ist anspruchsvoll und erfordert ein Ausleben jeglicher emotionaler Gefühlszustände sowie einen sehr sensiblen Einsatz der Stimme…

Ù

Elisabeth
Text: Michael Kunze
Musik: Sylvester Levay
Uraufführung: 3. September 1992 im Theater an der Wien

Es erzählt die Lebensgeschichte der österreichischen Kaiserin Elisabeth (Elisabeth Amalie Eugenie, Herzogin in Bayern geboren 24. Dezember 1837 in München, ermordet am 10. September 1898 in Genf).
Wie die anderen Musicals von Kunze/Levay ist auch hier einfühlsam und genau recherchiert worden, um ein authentisches Bild der Persönlichkeit der Kaiserin darzustellen. Nur wenig erinnert an die märchenähnlichen „Sissi“ Filme, es sei denn die ironischen und distanzierten Kommentare über die politischen Lage und Elisabeths privates und öffentliches Leben durch ihren Mörder Lucheni.
Die historisch nachgewiesene unbewusste Todessehnsucht inspirierte die Erschaffer des Stückes ihr den personifizierten Tod in der Gestalt eines majestätischen, arroganten, sinnlichen und etwas androgyn wirkenden jungen Mannes an die Seite zu stellen. Elisabeth wird von ihm immer wieder aufgesucht, da er sich in sie verliebt hat. Dieses Gefühl ist für ihn neu und unbekannt, etwas, das gänzlich außerhalb dessen liegt, was eigentlich für den Tod möglich und verständlich ist. Diese „Liebesbeziehung“, die sie gleichzeitig annimmt und ablehnt findet ihre Erfüllung am Tag ihrer Ermordung durch den Italiener Lucheni.
Die andere Komponente ist die tragische Beziehung zu ihrem Ehemann und die Beziehung zu Rudolf ihrem Sohn, der an ihrer Suche nach Freiheit, sowie einer traumatischen Kindheit ohne Liebe und elterlicher Nähe zerbricht. Der sensible depressive junge Mann, der klare Visionen für eine neue Zeit hat und sich von seinem Vater abgelehnt fühlt nimmt sich im Alter von 31 Jahren auf Schloss Mayerling das Leben.
Auch in einer Beziehung zu ihm wird der Tod als Person eingesetzt, als manipulierender, seinen Auftrag erfüllender Begleiter.
Ein ergreifendes Stück, das ein völlig neues Verständnis für die Persönlichkeitsstruktur dieser so bekannten historischen Person erzeugt. Man versetzt sich in ihr Leben und vergleicht seinen eigenen Freiheitsdrang und den Umgang mit Zwängen und Verpflichtungen…die man sich heute selbst auferlegt, die aber in dieser Zeit Normalität waren.
Es ist natürlich nicht nur das Schicksal der Kaiserin, das dieses Musical zu einem der erfolgreichsten Stücke macht. Es ist natürlich auch der Schachzug, die Rolle des Todes ambivalent anzulegen, einerseits die Gefühlskälte, Arroganz, majestätische Ausstrahlung, dann wieder Sanftheit, Verlangen, Liebe...dazu ein gutaussehender Darsteller, eine differenziert eingesetzte kraftvolle, warme Stimmfarbe...in jedem Falle eine erotische Mischung...
Die Prioritäten, welche Anteile betont werden und welcher Ausdruck in den Vordergrund gelegt wird kann sich durchaus von Inszenierung zu Inszenierung unterscheiden.
Das Stück steht und fällt ebenso mit dem Ausdruck der herrischen Mutter Franz-Josefs, Erzherzogin Sophie und der Interpretation von Lucheni. Er, der Mörder Elisabeths kann nicht zur Ruhe kommen und wird im Zwischenreich des Todes immer wieder verhört und nach dem Grund für seine Tat gefragt. Rückblickend übernimmt er die Führung durch das Leben Elisabeths und die Geschichte Österreichs. Mit italienischem Akzent und Ironie, Zynismus und südländischem Temperament tritt er in Kommunikation mit dem Publikum.
Die Rolle von Elisabeth ist eine der wenigen großen weiblichen Titelrollen und eine Herausforderung für jede Darstellerin, da sie stimmlich und in ihrer psychischen Wandlung innerhalb des Stückes sehr anspruchsvoll ist. Elisabeth ist eines der Stücke, die mich immer wieder sehr bewegen.

 

Jekyll & Hyde
Text: Leslie Bricusse /Musik: Frank Wildhorn
Premiere: 24. Mai 1990, Alley Theatre, Houston
Deutschland: 19. Februar 1999 Musicaltheater Bremen mit Ethan Freeman in der Hauptrolle

Die Handlung basiert auf einem dem Buch „Der Seltsame Fall des Dr. Jekyll & Mr. Hyde“ von Robert Louis Stevenson.
Die Handlung spielt im London des 20. Jahrhunderts.
Zum einen fesselt das Stück durch ergreifende, melodiöse Balladen und zum anderen durch die hohen Ansprüche an die schauspielerischen und stimmlichen Fähigkeiten der Künstler, allen voran Lisa, Lucy und extrem natürlich die Hauptrolle des Jekyll/Hyde. Die Inszenierung (Staging/Dialoge) sollten der Logik des Stückes folgen und erfordern sehr viel Sensibilität und ein Gefühl für Feinheiten, was durchaus nicht immer der Fall ist. Die Inszenierungen in Bremen und Köln waren hervorragend und gingen in jeder Sekunde unter die Haut, wobei der Mord an Lucy rollenkonform brutal bluttriefend umgesetzt wurde, was aber durchaus als grenzwertig angesehen werden kann.
Ich durfte bisher Drew Sarich, Yngve Gasoy Romdal, Ethan Freeman, Patrick Stanke und Jan Ammann in dieser Rolle erleben. Jeder hatte seinen eigenen Fokus und versuchte sein Bestes.
In Bad Hersfeld gab es leider immense Fehler im logischen Aufbau des Stücks , Szenen wurden so verändert, dass  Aussage bzw. Inhalt verfälscht wurden und keine Stimmung entstand. Textpassagen wurden so verändert, dass der Spannungsbogen wegfiel, die wunderbare stimmungsvolle Kulisse mit sehr großen Gerüsten „verschandelt“. Zudem war Jan Amman mit der Hyde-Seite völlig überfordert...
Überwältigend und über jede Kritik erhaben waren Yngve, der inzwischen mit der Rolle verwachsen ist (was vielleicht mittlerweile auch behindernd wirken könnte) und Ethan.

Die Handlung dürfte hinreichend bekannt sein. Da ich dieses Stück liebe, möchte ich jedoch versuchen diese etwas zusammengefasst wiederzugeben.
Dr. Henry Jekyll, ein junger smarter und engagierter Londoner Arzt, hat angetrieben durch die Erkrankung seines Vaters die Vision eines Mittels, das das "Böse" vom Guten im Menschen trennt und es so möglich macht, diesen zerstörerischen Teil zu eliminieren.
Seine Forschung wird vom einflussreichen Vorstand des Krankenhauses diffamiert und verhöhnt, ein Versuch am Patienten wird abgelehnt, was das Scheitern von Jekylls jahrelanger Forschung bedeutet. Als sein Vater am gleichen Tag stirbt, trifft er die folgenschwere Entscheidung einen Selbstversuch zu wagen. Wie erhofft gelingt die Trennung, jedoch erlangen die unterdrückten aggressiven und "bösen" Anteile in ihm, zu seinem Entsetzen, ein Eigenleben und agieren als abgespaltener Persönlichkeitsanteil Hyde. Hyde lebt ohne Gewissen jegliche dunklen Triebe, Aggressionen bis hin zur Mordlust aus. Er tötet die Mitglieder des Gremiums auf brutale Weise, geht eine Beziehung zu Lucy (Nachtclubsängerin und Hure in der "roten Ratte") ein, eine der wichtigen Frauenrollen des Stücks. Diese hatte der eher zurückhaltende Jekyll beim Junggesellenabschied in Begleitung seines Freundes John kennen gelernt und ihr eine Visitenkarte gegeben, als Freund nicht als Kunde. Lucy verliebt sich in den Arzt, der ihr als einziger je Respekt entgegengebracht hat…
Hyde übernimmt mehr und mehr die Kontrolle und manipuliert Jekyll dahingehend zu seinen Gunsten sein Testament zu ändern. Die Beziehung zu Lisa, Jekylls Verlobten, droht an seiner Zurückgezogenheit und Distanziertheit zu scheitern. Er schließt sich über unzählige Tage in seinem Labor ein, reagiert aggressiv auf Störungen und versucht verzweifelt ein Gegenmittel zu finden. Diese Spirale hat nach der eifersüchtigen Ermordung Lucys ihren Höhepunkt in einer letzten Konfrontation mit Hyde, die dem Darsteller immenses abverlangt. Beide Anteile stehen sich quasi gegenüber und führen einen verbalen Kampf aus, bei dem Hyde letztendlich zu unterliegen scheint, da seine Existenz durch die Möglichkeit des Suizids Jekylls gefährdet ist.
Die Gefahr scheint gebannt bis zum Hochzeitstag von Henry und Lisa. Nach der Zeremonie bricht bei den Feierlichkeiten das zweite Ich hervor. Von dem in kurzen Momenten durchscheinenden Bewusstseins Jekylls wird John, sein Freund aufgefordert in zu erschießen, um das Leiden zu beenden. (John hatte die Waffe zu seinem Schutz von Jekyll erhalten) Als dieser versagt schafft es Jekyll sich auf John zu stürzen, sodass dieser in Notwehr schießt.
Er stirbt in Lisas Armen während sein Ich als Henry Jekyll wieder hervortritt…

So ist es jedenfalls in der klassischen Version. 2008 in Lüneburg und Sommer 2011 in Hagen wagte man sich an eine "moderne" Version. Man versetzte die Handlung ins Heute, in eine moderne Klinik, in der Henry Jekyll geschmackvoll eingerichtete eigene Räumlichkeiten im Stile eines Lofts mit Laborbereich bewohnt. Und es funktioniert. Henry Jekyll ist auch weniger der zurückhaltende, schüchterne Arzt, sondern ein erfolgreicher Mediziner, der durchaus unangenehme Ansätze von Arroganz zeigt. In der Beziehung zu Lisa lässt er ein Stück los und zeigt seine gefühlvollere Seite. Er kann in seiner Arbeit und im Umgang mit Lisa leidenschaftlich sein, in einigen wenigen Situationen seine Emotionen zeigen, behandelt aber seinen Assistenten Poole mit Ignoranz und Grobheit.
Die Situation um Jekylls Vater, die Gründe für seine Forschung etc., all dies bleibt bestehen...überraschend und wirkungsvoll ist, dass er sich selbst mit einer Kamera aufnimmt, um die Wirkung des Serums zu dokumentieren. Wir sehen ihn auf der Bühne und gleichzeitig die Übertragung der Kamera, die er in der Hand vor sich hält, in seinem Fernseher.
Wenn man am Beginn noch einen Unterschied zwischen Henry Jekyll und Edward Hyde wahrnimmt, verschmelzen die beiden Persönlichkeitsanteile im Laufe des Stücks immer mehr miteinander, eine ganz neue Erfahrung, die durchaus ihre Logik und ihre ganz eigene Spannung hat. Hyde tötet hier ohne lange Dialoge...geplant, konsequent und völlig ausdrucks- und emotionslos. So erlebte ich zumindest den bei der letzten Vorstellung für Henrik Wager eingesprungenen stimmgewaltigen Kasper Holmboe. Eine wirklich empfehlenswerte Inszenierung, die ein überraschendes Ende hat, die Gänsehautfeeling erzeugt und den Zuschauer unweigerlich mitreißt, wenn er bereit ist das Alte loszulassen.

Für mich ist dieses Stück ohne Frage ein absoluter Favorit. Die Integration des eigenen Schattens ist eine Thematik die in der Persönlichkeitsentwicklung und Energiearbeit eine große Rolle spielt.
Eine wichtige und doch sehr unangenehme Aufgabe, die sich für jeden immer wieder einmal in anderen Facetten stellt.
Wenn wir uns in die innere Welt Jekylls einfühlen, erzeugt dies eine immense Spannung, gleichzeitig erkennen wir aus der Distanz wie falsch der eingeschlagene Weg ist. Es ist bei einer guten Inszenierung und exzellenten Darstellern nahezu unmöglich sich nicht in Mitgefühl, Verständnis und dem Wunsch nach einer positiven Wendung aufzulösen…
Die Schüsse am Ende sind wie ein Schlag (in Köln sah man Hyde von hinten und bei jedem Schuss platzten Farbbeutel am Rücken und das weiße Hemd färbte sich rot, noch einmal eine immense emotionale unerwartete Steigerung...Gänsehautfeeling, Entsetzen) ...und es bleibt ein Gefühl von Trauer, Melancholie und Nachdenklichkeit zurück…

Ù

Les Miserables
Text: Alain Boublil
Musik: Claude-Michel Schönberg
Uraufführung:17. September 1980, Paris, Palais des Sports
Premiere in London: 8. Oktober 1985 Barbican Centre (überarbeitete Fassung)
Deutschsprachige Erstaufführung:: 15. September 1988 Raimundtheater in Wien (Übersetzung Heinz Rudolf Kunze)
Premiere in Deutschland: 1996 in Duisburg im Theater am Marientor, das eigens für dieses Stück errichtet worden war.

Vorlage für das Musical ist das Buch von Victor Hugo "Die Elenden". Die Handlung umfasst eine zeitlich recht große Spanne und spielt in Toulon 1815, Montreuil-sur-Mer & Montfermeil 1823 und Paris 1832…
Es würde den Rahmen sprengen, wenn ich die Handlung in Einzelheiten wiedergeben würde. Es sind die Leben von einigen Personen in diesem Handlungsstrang miteinander verknüpft, jeder Charakter hat seine ganz eigene Dramatik, mit Sehnsüchten die sich meist nicht erfüllen, Visionen und Weltanschauungen, geprägt von der Umgebung, in welcher er aufgewachsen ist…
Jean Valjean, der für den Diebstahl eines Brotes 19 Jahre im Gefängnis verbrachte und in seinem Hass durch das Verhalten des Bischof von Digne wachgerüttelt wird…sodass er Hoffnung schöpft und ein neues Leben beginnt.
Javert, der in der Bewertung von Gut und Böse eingesperrt ist im Gefängnis seiner Filter und inneren Muster, dessen Jagd nach Jean Valjean zum Zwang wird. Er muss erkennen, dass seine Weltanschauung auf Lügen aufgebaut ist und zusammenbricht und nimmt sich das Leben.
Fantine, die Fabrikarbeiterin, später Hure, deren Tochter Cosette nach dem vorzeitigen Tod der Mutter aus Schuldgefühl von Jean Valjean aufgenommen wird.
Cosette, die bei Jean Valjean auwächst und nichts von dessen Vergangenheit weiß, aber spürt, dass ein dunkler Schatten über ihnen beiden schwebt...
Marius, einer der Studenten, der sich in Cosette rettungslos verliebt und fast beim Aufstand der Studenten unter der Führung von Enjolras ums Leben kommt…wenn ihn nicht Jean Valjean entgegen seiner Überzeugung retten würde…
Eponine, die Tochter der Wirtsleute Thenardier (bei denen Cosette die ersten Jahre in liebloser Umgebung aufwuchs), die ebenfalls in Paris auftauchen…sie liebt Marius ebenso, jedoch hoffnungslos und stirbt in seinen Armen beim Kampf an den Barrikaden…

Ein Musical, das in seinen aufrüttelnden Musikstücken, sowohl in sehr emotionalen Soli als auch beeindruckenden Chorszenen tief bewegt. Man durchlebt jegliche möglichen Gefühle intensiv…Liebe und Verzweiflung, Hoffnung und Enttäuschung, Mitgefühl und ist glücklich in einer solchen Zeit (zumindest bewusst) nicht gelebt zu haben…
Am Ende verlässt man das Theater schweigend und kann die innere Balance erst nach einer längeren Zeit wieder finden…so intensiv sollte Musical für mich sein...
Es existiert eine wunderbare Aufnahme einer konzertanten Aufführung am 8. Oktober 1995 in der Royal Albert Hall zum Anlass des 10 Geburtstages. Colm Wilkinson singt den Part von Jean Valjean, Michael Ball die Rolle des Marius.
Sehr beeindruckend auch der Schluss, bei dem 17 Darsteller die Bühne betreten , die in internationalen Produktionen die Rolle des Jean Valjean verkörpert haben, und in ihrer Landessprache Passagen aus "Do you hear the people sing" vortragen. Als Vertreter für Deutschland steht Jerzy Jeszke auf der Bühne, der lange Zeit in Duisburg spielte. Ein beeindruckender Moment.

 

Marie Antoinette
Text: Michael Kunze
Musik Sylvester Levay, Libretto in Englisch, für Tokio ins Japanische übersetzt
Premiere: 1. November 2006 im Imperial Garden Theater in Tokio
Deutschland: 30. Januar 2009 bis 31. Mai 2009 im Musicaltheater Bremen

Die Idee des Musicals basiert auf einem Roman des japanischen Autors Shusado Endo. Michael Kunze erhielt von der japanischen Theaterproduktionsgesellschaft Toho den Auftrag auf der Grundlage des Buches ein Drama-Musical zu schreiben. In diesem Buch wurde der Person Marie-Antoinette, Königin von Frankreich, ein armes Mädchen aus dem Volk als Pendant gegenübergestellt. Diese beiden so unterschiedlichen Frauen begegnen sich im Laufe der Geschichte immer wieder und ihre Leben werden miteinander verknüpft in der Dramatik der historischen Entwicklung. Diese dichterische Freiheit faszinierte Michael Kunze, der das Potential dieses Stoffes erkannte.
Die Handlung im Musical umfasst den Zeitraum von einem Jahr nach der Thronbesteigung Marie-Antoinettes bis zu ihrer Hinrichtung.
In Wikipedia ist eine kurze perfekte Zusammenfassung der Handlung zu lesen, die ich hier einfügen möchte, da dieses Musical sicher vielen nicht bekannt ist.
„Die Handlung setzt ein Jahr nach der Thronbesteigung von Marie Antoinette und ihrem Gemahl Louis XVI ein. Rauschhaft gibt sich die Regentin ihren luxuriösen Ausschweifungen hin und zeichnet damit ihr ganz eigenes Bild. Vollkommen gegensätzlich dazu die zweite zentrale Frauenfigur des Musicals, das arme Mädchen aus dem Volk: Margrid Arnaud. Ein Kunstgriff von Michael Kunze, die beiden scheinbar so ungleichen Frauen gegenüber zu stellen und ihre Leben immer wieder in Kontakt treten zu lassen. Denn auch wenn zu Anfang nur Abneigung und Hass zwischen der Königin und dem Bettlermädchen besteht, haben ihre Leben mehr gemein, als beide ahnen. Erst die Ereignisse werden zeigen, wie sich die Schicksale der beiden Frauen mit den gleichen Initialen ähneln. Und schließlich, als die Schatten der Französischen Revolution bereits dunkel über Paris fallen, ist aus der anfänglichen Feindseligkeit gegenseitiger Respekt und Verständnis geworden.“

In der Bremer Inszenierung verkörperte Roberta Valentini die Rolle der Königin Marie Antoinette, Sabrina Weckerlin den Part der Margrit Arnault. Ethan Freeman gab den Illusionisten Cagliostro, der als Erzähler und auch intriganter Lenker und Deuter der Ereignisse durch die Geschichte führt. Patrick Stanke verkörperte Axel von Fersen, die wahre und aufrichtige Liebe von Marie Antoinette, die jedoch aufgrund der Position der beiden niemals Erfüllung finden kann.
2012 wird dieses Musical endlich wieder aufgeführt. Die Freilichtbühne Tecklenburg konnte die Rechte an diesem Stück gewinnen. Sabrina Weckerlin wird erneut den Charakter der Margrit Arnault verkörpern, Cagliostro wird von Yngve Gasoy Romdal gespielt. Die Regie übernimmt Marc Clear. Es wird sicherlich ein emotionales, lohnenswertes Erlebnis sein. Tickets sind inzwischen auf den guten Plätzen kaum noch zu bekommen...

Marie Antoinette war für mich, und nicht nur für mich, eines der überwältigensten Musicals, die ich erleben durfte. Beide Frauen vollzogen die extreme Persönlichkeitsentwicklung der Charaktere in einer Intensität, die mich in meinen Tiefen berührte. War man am Anfang in seiner Position sehr klar, so folgte man innerlich dem emotionalen Fluss und kam am Ende in ein Gefühl von Trauer und gleichzeitigem tiefen Frieden. Ein Gefühl, dass sich nicht auf das Stück beschränkte, sondern die gefühlte Erkenntnis vermittelte, dass eine Oberfläche täuschen kann und wir alle immens geprägt sind von der Umgebung, der Gesellschaft, in der wir aufwachsen. Ein Wissen, das wir haben, das wir aber so oft ignorieren in der Beurteilung anderer Menschen…

Ù

Miss Saigon
Ein Musical von Alain Boublil und Claude-Michel Schönberg,
Uraufführung: 20. September 1989 im Theatre Royal Drury Lane (London)
Broadway-Premiere: 11. April 1991
Deutschlandpremiere: 2. Dezember 1994 in der Musical-Hall (heute Apollo Theater) in Stuttgart

Ein Stück, das in Saigon im April 1975 spielt, in den letzten Wochen des Vietnamkrieges.
Chris, ein amerikanischer GI lernt in einem Nachtclub Kim, ein sehr junges und gerade eingestelltes „Animiermädchen“ kennen und verliebt sich währen einer Nacht in sie. Er wird ihre Hoffnung, doch werden ihre Träume jäh zerstört als er abgezogen wird und in einer Nacht- und Nebel-Aktion sämtliche Amerikaner das Land verlassen. Seine verzweifelten Versuche Kim mitzunehmen scheitern, in den Menschenmassen verlieren sie sich aus den Augen. Während Chris Kim nicht vergessen kann, sich aber im Laufe der Zeit ein neues Leben in den USA aufbaut, eine Frau heiratet und von Albträumen gequält wird, gebärt Kim Chris’ Sohn. Diese Mischlingskinder haben von Anfang an keine Chance, vergessen von ihren Vätern und abgelehnt und versteckt in der Heimat ihrer Mütter. So ist für Kim das Einzige was sie durchhalten lässt die Vision, dass Chris sie immer noch liebt, zurückkehrt, sie mitnimmt und sie zu dritt eine Familie sind…
Als Chris von John, seinem Freund, erfährt das Kim einen Sohn von ihm hat, reist er mit seiner Frau nach Vietnam, wo man Kim ausfindig machen kann. Die erste Begegnung hat Kim mit Chris’ Ehefrau, die obwohl sie die Tragik zu begreifen scheint, bereit ist zu kämpfen und Chris niemals freigeben wird.
Das macht sie Kim sehr deutlich, denn sie sieht die Sanftheit und die tiefe Liebe in ihren Augen…spürt schmerzlich was die beiden verbunden haben muss.
Das Angebot Kim in Vietnam zu unterstützen lehnt diese verzweifelt ab, denn dies geht an der alltäglichen Realität völlig vorbei und kann keine Lösung sein…
Als Chris von dem Besuch erfährt, hat er einen Zusammenbruch, sämtliche Gedanken und Emotionen schlagen über ihm zusammen. Er verlässt seine Frau niemals, das weiß er, aber er will sofort zu Kim.
Als sie an Kims Unterkunft ankommen hat diese einen Entschluss gefasst. Es gibt nur eine Möglichkeit, wie sie erreichen kann dass ihr Sohn eine Chance auf ein würdiges Leben erhält. Und während sie ihren Sohn zu Chris schickt zieht sie sich zurück und ein Schuss ertönt…In Chris explodieren Angst und Entsetzen und die Erinnerung an ihre gemeinsame Liebe und er stürzt zu ihr...
Sie stirbt in den Amen der großen Liebe ihres Lebens…
Es ist sehr schade, dass dieses Musical in Deutschland zurzeit nicht mehr auf Bühnen zu finden ist. Ich sah es in Stuttgart mehrfach in unterschiedlicher Besetzung und war sehr ergriffen. Es ist ein sehr melancholisches, trauriges Stück, das sehr lange in seiner Stimmung nachhallt und man benötigt sehr lange um sich zu fassen und die innere Anspannung wieder loszulassen.
Ein Stück, das nachdenklich macht und den Herzbereich öffnet.

 

Mozart
Text: Michael Kunze
Musik Sylvester Levay
Uraufführung: 2. 10. 1999 Theater an der Wien
Deutschlandpremiere: 21. September 2001 Neue Flora Hamburg

Das Musical erzählt die Lebensgeschichte von Wolfgang Amadeus Mozart. Es beginnt mit einer Szene, die im Jahr 1809 spielt, in der die Witwe von Mozart Constanze Nissen den Naturforscher und Arzt Anton Mesmer gegen Bezahlung zum Grab ihres Mannes führt, auf dem Friedhof St. Marx. Dieser erinnert sich 40 Jahre zurück an den Tag 1768, als Mozart als kleines Genie in dem Barockgarten seiner Villa von seinem Vater Leopold der feinen Gesellschaft als Wunderkind vorgeführt wurde.
Die Zeit wird zurückgespult und nun erleben wir die Geschichte dieses jungen Mannes, der scheinbar immer auf der Suche nach sich selbst war, seine Naivität, seine Abhängigkeiten, Sehnsüchte, seine Beziehungen, seine Lebenslust und seine Verzweiflung und Einsamkeit. Mozart, der gleichzeitig abhängig, getrieben und gesegnet war von seinem Genie, das ihn als Porzellankind Amadè, sein zweites Ich, das Stück durch begleitet. Am Ende bringt ihn das unerbittlich komponierende Kind, der Schatten, von dem er sich nicht lösen kann, um. Dieses innere Kind schreibt seine Kompositionen mit Mozarts Blut. Als ihm die Tinte fehlt, benutzt es Spitze der Feder als Waffe und in seiner an Besessenheit grenzenden Passion tötet es sein älteres Ich durch einen Stich ins Herz…
Sowohl in der Uraufführung als auch bei der Premiere in Deutschland wurde die Rolle des Wolfgang Amadeus Mozart von Yngve Gasoy Romdal übernommen. In Wien spielte Thomas Borchert den Vater Mozarts, in Hamburg hatte Ethan Freeman diesen Part inne.
Uwe Kröger spielte die Rolle des Fürsterzbischofs Colloredo.
Inzwischen ist Mozart unzählige Male in verschiedenen Theatern aufgeführt worden und sehr erfolgreich.
Auch dieses Musical hat mich sehr bewegt. Als ich es zum ersten Mal auf CD hörte konnte ich mich nicht direkt mit der Musik anfreunden. Erst als ich einige Szenen in Youtube sah erwachte meine Neugierde und mein Interesse. Allein die Darstellung von Yngve war derartig authentisch, dass ich nicht erwarten konnte mich von der Dramatik des Stückes und den Charakteren gefangen nehmen zu lassen. Das erste Mal sah ich das gesamte Stück in Tecklenburg 2008. Patrick Stanke verkörperte Mozart und Ethan Freeman Leopold. Karin Seyfried spielte Nannerl, die Schwester von Mozart, Marc Clear die Rolle des Colloredo. Es war eine Vorstellung, die von sintflutartigen Regenfällen durchgehend begleitet wurde. Nicht der Zuschauerraum sondern die Bühne ist dort vollständig ungeschützt und trotz des unangenehmen kalten Wetters hat die gesamte Cast das komplette Stück mit Leidenschaft und Hingabe durchgespielt. Einige humorvolle verbale Seitenhiebe über das Wetter zeigten uns mit wie viel Disziplin Profis in dem Bereich mit unwägbaren Bedingungen umgehen.
Patrick machte wahr was ich in der Gala über die Musicals von Kunze/Levay schon ansatzweise erahnt hatte. Er lebte die Rolle in einer Intensität, dass man bei manchen Szenen vor Mitgefühl, Erschrecken über dessen Naivität und Wut über die Ignoranz von Mozarts Vater auf die Bühne laufen wollte…
Die Musik brennt sich ein und lässt einen nicht mehr los...ob es "Gold von den Sternen" oder "Wie lässt man seinen Schatten los" oder "Warum kannst du mich nicht lieben" ist, man summt noch Tage danach leise die Melodien vor sich hin...
Es ist eines der Stücke, die kein freudiges, aufgedrehtes Gefühl hinterlassen sondern, eine Stimmung der Melancholie und des Ergriffen-seins. Ich persönlich werde es mir immer wieder mit Begeisterung ansehen.

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